Auf den Spuren von Thomas Mann in Davos

Winterferien auf dem Zauberberg müssen nicht unbedingt von Skifahren und anderen Schnee-Aktivitäten ausgefüllt sein. Auf der Schatzalp, wo die Leser des Thomas-Mann-Bestsellers "Der Zauberberg" das legendäre Curhaus, jenen Zauberberg angesiedelt sehen, ist das Ambiente, das Lebensgefühl inmitten purer Jugendstil-Architektur viel zu edel und zu unterhaltend, um ihm auf den Pisten immer wieder zu entfliehen. Statt unermüdlich die Berge herab zu wedeln, kann man nach Davos Schlitten fahren, mit dem Bimmelbähnchen wieder nach oben kommen und, weil man unten im Ort zu viel Engadiner Nusstorte gegessen hat, lieber am helllichten Tag ein Schläfchen machen. Ulla Ackermann jedenfalls macht´s immer wieder so, hat das Skifahren mittlerweile fast verlernt, kommt aber stets wohl erholt aus dem "Wintersport" zurück.

Ulla Ackermann auf den Spuren von Thomas Mann
Artikel im 'schwarzaufweiss' Reisemagazin

Es ist einer jener Tage, wo einem beim Aufwachen der Geruch der eiskalten Luft verrät, dass es in der Nacht geschneit hat. Davos schläft noch, liegt, unbehelligt vom leisen Lärm der ersten Lieferwagen vor den Geschäften der Stadt, in seinem Bett zwischen der großartigen Kulisse der Berggiganten des Persenn, des Rische, des Bramabül-Jakobshorn, des Rinahorn und des Strela/Schatzalp - allesamt Gebirgszüge, deren Namen Skiläufern wie Musik in den Ohren klingen.

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Die ersten Sonnenstrahlen tasten sich verstohlen an den Bergrücken entlang, lassen hier und da ein Raureif blindes Fenster aufblitzen, und auf den Dächern liegt eine Haube aus Schnee. In den Gassen der Altstadt glitzert das Kopfsteinpflaster wie mit Glasur überzogen. Obgleich die Schlagläden vor den Fenstern schon etwas windschiefer Fachwerkhäuser noch alle verschlossen sind, steigen aus vereinzelten Kaminen schnurgerade Rauchfahnen in den fahlen Morgenhimmel.

Diese Romantik ist es, die jenes Davos beschreibt, das Thomas Mann in seinem Roman "Der Zauberberg" darstellt und wenngleich sich einige der Charakterisierungen schon damals, bei Erscheinen des Buches 1924 als oberflächlich und subjektiv herausstellten, so kam seither nahezu jeder Reisende nach Davos mit landschaftlichen Vorstellungen im Kopf, zu denen der "Wasserlauf" gehört, "über den sich noch die schmale Brücke spannt", außerdem "die schmalen Gleise der Bergbahn", die Straße, die "den Blick gewährte in die offenen Wiesengründe des Tals" und "Hotels und Pensioen, alle mit gedeckten Veranden, Balkons und Liegehallen reichlich versehen" - alles Orte, an denen Hans Castorp und Joachim im Laufe der Romanhandlung immer wieder auftauchten.

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Thomas Mann erwähnt auch die "Neubauten, aus dem Ortskern heraus" - diese Bautätigkeiten sind bis heute nicht zum Stillstand gekommen. Davos ist und expandiert noch immer. Bis in die Täler zwischen den Ausläufern der Bergriesen, "der getürmten Standbilder der verschneiten Alpen", dehnt sich die Stadt, die heute ein "Ferien-, Sport-, Kur- und Kongressort ist. Letztes Attribut verdankt Davos seinem hypermodernen Kongresszentrum, in dessen Gästebuch klangvolle Namen wie Henry Kissinger, Jitzhak Rabin, Bill Clinton oder Bill Gates zu finden sind.

Der Ruf, den Davos seiner heilsamen Luft verdankt und der international schon mehr als eineinhalb Jahrhunderte alt ist, ist jener, der auch Thomas Mann hierher brachte, als er 1912 mit seiner Frau Katja anreiste, um sie zu einer halbjährigen Kur zu begleiten. Katja Mann genas von ihrem Lungenleiden, vielen ihre Zeitgenossen war ein Verlassen von Davos allerdings nicht mehr vergönnt. "In einiger Höhe liegt der Waldfriedhof", schrieb Thomas Mann im "Zauberberg". Dort geben die fremd klingenden Namen auf den Grabsteinen, die koptischen Kreuze, Judensterne, die christlichen Figuren und exotisch lautende Geburtsorte oder kyrillische Schriftzeichen ein wenig Aufschluss über die Toten, die hier begraben wurden, nachdem selbst die gute Luft und alle Heilkunst der damaligen Zeit ihnen nicht mehr hatte helfen können.

Eine morbide Atmosphäre erzeugt diese Umgebung, trotz der Nähe zum extravaganten Flair der Stadt. Dieses Ambiente ist Symbol für die Geschichte von Davos, "dem Siechenort", in dessen Straßen "alle hundert Meter ein Spucknapf für die Kranken steht", das aber gleichzeitig Schauplatz bourgeouisen Lebensstils und exzessiver Ausschweifungen der Todkranken war.

Bis es zu der Erfindung moderner, wirksamer Arzneien, zur völligen Ausheilung von Lungenkrankheiten kam, hätte dieser, gegen alle guten Sitten verstoßende Life-Style beinah den gesellschaftlichen Untergang von Davos besiegelt. Wären nicht die Tourismusmacher der Stadt in den fünfziger Jahren klug genug gewesen, die Infrastruktur des Ortes umzubauen: so wurden aus den Sanatorien luxuriöse Hotels, die meisten Arztpraxen geschwind auf Schönheitsheilkunst und Stresstherapien umgestellt, und zusätzliche Talstationen gebaut, die den Ort per Drahtseilbahn mit allen Berggipfeln im Umkreis verbanden.

Fast 100 Kilometer Loipen und ein Golfplatz entstanden. Und es wurde weiter gebaut: Supermärkte mussten angesiedelt werden, eine Skisprungschanze, das Eisstadion, ein Theater, Museen, Kinos, Restaurants aller Cuisines und vor allem Maklerbüros, denn wer was auf sich hielt, musste eine Adresse in Davos haben, diese alte Tradition der High-Society blieb erhalten.

Edelste Kürschner, Goldschmiede und teure Designer residieren hier, manche schon seit hundert Jahren. Sie hatten keine Probleme mit dem Wegbleiben der reichen Patientenkundschaft, denn die Rechnung der Fremdenverkehrsstrategen war aufgegangen: Davos wurde zum Treffpunkt des Jetset, der Beautiful People, die alljährlich im Tross anreisten, um zu sehen und gesehen zu werden. Bis vor gut 20 Jahren dieser Boom denn auch vorbei war und Davos sein bis heute, endgültiges Gesicht als Luftkurort bekam - und als Wintersportort für Familien und Skifanatiker der nicht ganz so extremen Sorte.

In diesen Kreisen jener Wintersportler, die nicht ständig auf den gefährlichsten Pisten sein müssen, sondern auch die Muße haben, einige Tage beispielsweise dem Lesen eines Buches zu "opfern", hält sich ein Geheimtipp: das Berghotel Schatzalp.

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In jenem ehemaligen Sanatorium, das in perfekter Jugendstilschönheit auf einem Hochplateau über Davos und 1865 Meter über dem Meeresspiegel liegt, sehen Thomas Mann-Kenner den Handlungsort des "Zauberberg".

Hier oben ist die Luft noch klarer und die Sicht so ungetrübt, dass im Herbst jedes Detail der bunten Laubfärbung entlang der Baumgrenze in 2000 Metern Höhe rundum wie durch ein Fernglas zu erkennen ist - und sogar den Davoser See weit weg.

An diesem frühen Wintermorgen allerdings ist weit und breit nichts mehr zu sehen, als strahlendes Weiß, frischer Schnee, der die Tannen in Watte verpackt und die Wedelspuren an den Skihängen verwischt hat. Im "Snow-Beach", dem Restaurant neben der Endhaltestelle des Schatzalp-Bähnchens sind um diese Tageszeit nur ein Gast und ein Kellner anwesend. Doch wird schon heißer Kakao serviert und Croissants, die von Frühstücksbuffet des Hotels herbeigeschafft wurden. Der Gast ist König und Gast zu sein ist hier oben ein Fest.

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Da lässt es sich gut aushalten, in der Ruhe des verwinkelten Hotels, hinter den geschwungenen Holzbögen der Zimmerfenster unter einem dicken Plumeau den Winter zu verschlafen oder in der alten Bibliothek zu stöbern. Oder einfach nur im Wandelgang in der Sonne zu sitzen und die Stille genießen. Und wenn´s denn unbedingt Aktivität sein muss, empfiehlt es sich, auf der eigens präparierten Schlittenbahn bis nach Davos zu rodeln oder doch die eine oder andere Abfahrt zu wagen. Auch nicht zu verachten ist der Schlenker in ein Café, dort ein bis drei Stücke Engandiner Nusstorte zu genießen und sich dann vom Bimmelbähnchen wieder auf die Schatzalp fahren zu lassen (Man kann den Weg auch in Serpentinen den Berg hinauf zu Fuß begehen). Oben angekommen, muss man sicher wieder ein paar Stündchen schlafen, mit dem Duft der Zirbelkiefermöbel in der Nase. Stören wird das Nickerchen niemand, denn über den Zimmertüren leuchten bei Bedarf noch immer die Signallampen aus Sanatoriumszeiten. Auch die Waschbecken nebst dazu gehöriger Armaturen in gefällig geschwungenem Design sind erhalten geblieben, Bestelltischchen und Sessel aus jener Zeit, sowie Wandmalereien und Glasarbeiten in reinstem Jugendstil all überall. Man könnte glauben, diese Stilrichtung sei eigens beim Bau und für die Inneneinrichtung des Schatzalp Hotels kreiert worden, damit nur ja kein ungeschickt verwendetes, architektonisches Element das Panorama der herrlichen Berglandschaft zerstört.

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Wie das ehemalige "Curhaus", das Berghotel da oben auf der Schatzalp thront, könnte es ein Wappen, Ausdruck edler Lebensart, auf der Visitenkarte von Davos darstellen.


 
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