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Neue Zürcher Zeitung, 12.06.1997, S. 71
Wanderung durch "Kirchner-Landschaften"
Zwischen Strelapass und Stafel
Kaum je habe ich die Jahreszeiten so gerafft
gesehen, ein Aufblitzen von Frühling, Sommer, Herbst
und Winter, sozusagen innerhalb einer Morgenstunde.
Unter den Schneekissen der Schutthalde, zwischen den
Rinnsalen des Schmelzwassers sind die Kahlstellen mit
Weidenarten und Brillenschötchen besiedelt. Der
Steinbrech hat seine langen Fäden ob der Erde
gesponnen, um seine Wurzeln im rutschigen Gelände
festzumachen. Ein paar Meter daneben winkt eine
Alpwiese mit ihrer bunten Pracht: grossköpfiger
Gemswurz, Alpenaster und violette Glöckchen am Stengel
der Bergkreuzblume. Unser Standort zwischen dem
Strelakamm und dem Schiahorn mit den höher liegenden
Feldern der rostblättrigen Alpenrose, auch
Hennebluescht genannt (zur Brutzeit sind sie die beste
Tarnkappe für die Auerhennen), liegt kurz vor dem
Strelapass auf 2252 m ü. M. Er ist einer der alten
Übergänge von Süden nach Norden und gehört zur Kette
der Säumerroute von Flüela und Scalettapass. Mit dem
Ausblick ins Schanfigg kann man sich vorstellen, dass
dies vor dem Strassenbau durchs Prättigau der kürzeste
Weg nach Chur war. Der kürzeste wohl, aber manchmal
auch der brenzligste, denn "Bösi Wiiber und s
Schlechtwetter kömment über de Strela", heisst es. In
den Krinnen, einem Heuberg in Sapün, soll es einen
Versammlungsort von Hexen, das Hexenbödeli, gegeben
haben: Dort tanzten die Hexen am liebsten, solange das
Gras noch jung war, und die Weiden waren so gut, dass
man des Tages dreimal melken musste. Auf dem Abhang zum Strelasee verändern sich Gesteinsunterlage und Pflanzendecke: die Soldanella pussilla liebt basenarmen Boden. Riesige Bestände von Primeln und Frühlingsenzian wachsen auf feuchten Böden. Ein Fleckchen Land-art, eine rosa "Christo-Insel" inmitten der schwach besiedelten Granitwüste übt ihre Anziehungskraft von weitem aus. Von nahem bezaubert die Daphne striata Tratt., der gestreifte Seidelbast.

Hinter dem See steigt der Weg und führt
an rötlich schimmernden Schneemulden vorbei. Ein paar
Höhenmeter über dem Grat weht einem der Duft von
Bergklee entgegen: Arnika und Alpenmargerite wiegen
sich mit den gelben Büscheln von Alpenkreuzkraut im
Fallwind. Zwischen vorgeschobenen Gipfeln thront die
Pyramide des Tinzenhorns, das vom Künstler Ernst
Ludwig Kirchner in allen Varianten gezeichnet und
gemalt worden war, in voller Mittagssonne und im
Abendrot blau gegen blau. Einen ersten Eindruck von
Kirchners erster Davoser Wirkungsstätte vermittelt uns
mit dem friedlichen Bild weidender Muttertiere die
unter uns liegende Podestatenalp, wo heute die
Klosterser ihr Vieh sömmern. Der Name der Alp stammt
aus der Zeit, als das Veltlin zu Graubünden gehörte
und ein "podestà", ein Veltliner Landvogt, das Sagen
hatte. Noch ist ein gutes Stück Weg zum Stafel zu
machen, und wem der Aufstieg zum Chörbschhorn zu
mühsam ist, tut gut daran, an der Wegmarke Lätschüel
den Quellfassungen hinunter zur Podestaten- und zur
Schatzalp zu folgen. Auf
dem Chörbschhorn wären die Alpenazalee sowie eine der
in grösster Höhe wachsenden Pflanzen, der
Gletscherhahnenfuss, der mit seinen weissen und
abblühend roten Blüten bis auf 4000 m ü. M. klettert,
zu finden. Mit etwas Glück stösst man auch auf den
seltenen Himmelsherold. Sanft beginnt nun der
Wannengrat zu steigen. Südlich ist ein feines Glucksen
und Rauschen in den Schmelzwasserseen zu hören.
Nördlich liegt ein grosses Schneefeld, das für seinen
rötlichen Schimmer ebenso viele Erklärungen wie
vermeintliche Experten hervorruft: Von Schneeflöhen in
grossen Massen und von Saharasand ist die Rede, aber
auch von roten Algen, die in nicht allzu fernen Zeiten
glauben machten, dass der Schnee blute und Wunder zu
erwirken seien. Mit der Ankunft auf dem Vorgipfel öffnet sich ein
imposantes Rundpanorama: südwestlich der breite, flache Schneetisch des Piz
Kesch, die Berninagruppe, das bläulich schimmernde Grialetschgebiet, weiter
östlich die Silvretta und, unterbrochen vom Weissfluhgipfel, der nördliche Teil
des Rätikon. Wer sich ins Gipfelbuch eintragen möchte, nimmt nochmals 75
Höhenmeter zu dem mannshohen Steinmännchen in Kauf. Dann führt der Weg abwärts
zur kleinen Schutzhütte des Davoser Skiklubs, umgeht einen kahlen Bergrücken und
windet sich zwischen Sumpfpartien und Rietgras hinunter. Immer wieder schäumt
der Sutzibach im tiefen Einschnitt auf und vertieft mit seinem Tosen und
Rauschen die Stille der Chummeralp. Zaghafte Fichten und kleine Lärchen stehen
da und dort, und das Gras wird fetter. Mühevoll bewegen sich Kühe auf den steil
abfallenden Weiden der Tränke zu. Die Kühertreie führt zu einem kleinen Plateau,
von dem die Schindeldächer der 14 Alphütten schon von weitem leuchten. Inmitten
der schönen Walsergruppierung ist das Gasthaus zu finden. Die ganze Südseite des
Hauses auf dem Stafel nimmt eine Sonnenterrasse ein, und die Pächter Manfred und
Illja, Nachfolger der legendären Leni Gadmer, haben alle Hände voll zu tun.
Unter ihren Gästen nehmen nicht etwa die Schweizer, sondern die Deutschen den
ersten Rang ein, nicht zuletzt weil sie die Alp aus Kirchners Biographie und
Werk kennen. Und der Faszination der Landschaft seiner ersten Werke im
Davoserstil kann man sich kaum entziehen.

An die 80 Milchkühe und
widerspenstige Kälblein sind heute auf dem Stafel.
Nach einem vollen Tagwerk im Tal kommen die Bauern zum
Melken hoch, waschen das Milchgeschirr und ziehen oft
den Schlaf der Wirtsstube vor. In dieser Stille mit
dem einfachen bäuerlichen Leben hatte sich Ernst
Ludwig Kirchner 1917 vor den Verfolgungen gerettet,
die der Krieg und die Kriegsdienstpflicht für ihn
bedeuteten. Freund Grisebach hatte ihm den Weg von
Berlin in die Schweiz geebnet und ihn - an Körper und
Seele wund - der Obhut Helene und Dr. Lucius Spenglers
in Davos übergeben. Erst der Besuch van de Veldes, der
sich persönlich um Kirchners Schicksal kümmerte und
von seiner Begegnung mit diesem von "einem
abgemagerten Menschen mit stechendem, fiebrigem Blick"
sprach, machte den Künstler entschlossen, auf die Alp
zu fahren. Anfang Juli 1917 übersiedelte er mit seiner
norddeutschen Krankenschwester auf die Stafelalp ob
Frauenkirch. Der Alltag der Sennen und Tiere und die
Gebirgslandschaft begannen allmählich zu wirken und zu
einem lebendigen Quell seiner Bildermotive zu werden.
Ende August berichtete er an Henry van de Velde, er
bemühe sich, noch alles zu malen, was an
Herrlichkeiten sei, um es bei Binswanger im Thurgau zu
verarbeiten. Die darauffolgenden Sommer verbrachte
Kirchner wieder auf der Stafelalp. Mitte 1919 stand er
auf einem Höhepunkt seines Schaffens. Führt man sich
Zahl, Grösse und Bedeutung der Bilder und Graphiken
vor Augen, die nach dem Zeugnis seines Tagebuchs in
diesen Monaten entstehen, ist man verblüfft. Am 14.
Juli 1919 notiert er: "Die mähenden Brüder Müller,
früh den dengelnden Andreas. Rindlitho. 2 Bilder
Mäher. Zeichnungen von herrlichen Landschaften . . .
Diese feine stille Melancholie des Abends. Die einmal
stark fassen . . . Arbeiten im richtigen Sinn (malen)
wer kann das, der feine Fall der gewölbten Hügel,
stark und doch nicht brutal, sonst nur Farben in Grün
und die blauen Berge; . . . das feine Rot des Klees
und das Violettblau der Glocken . . . Ich muss zwei
Malereien machen, eine von Natur, eine ganz frei aus
dem Kopfe, dazu mit einer ernsten Hingabe." Immer
wieder muss er mit Unruhe und Schmerzen kämpfen, dann
wieder schreibt er: "Ich muss zeichnen bis zur
Raserei, nur zeichnen. Dann nach einiger Zeit das Gute
aussuchen. Immer wieder werbe ich um die reine Form,
seit dem Anfang des Lebens." Am 12. August: "Mit dem
Bild begonnen." Die Ruhe und Kraft eines erfüllten Tagwerks, die Abendstimmung in
den Bergen muss den Menschen und Künstler zu jenem Zeitpunkt voll erfüllt haben.
Die Unruhe kam wieder über ihn. Sie sollte ihn noch 19 Jahre zwischen
Gestaltungsdrang und Leid in Davos hinhalten.
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