Wandern, wo sich Könige
kurierten
Auf der Schatzalp kurierte früher der
europäische Adel seine Lungenkrankheiten. Heute ist die Alp ob Davos
Ausgangspunkt schöner Wanderungen.
Text: Bernadette Scherer (Schweizer Familie
32/2003)
Der Betrachter bringt vor
Staunen den Mund fast nicht mehr zu. Geranien? Mit den Blumen auf den
Fenstersimsen haben diese jedenfalls nicht viel zu tun. Die Blüten sind nicht
rot, sondern leuchtend blau. Und ihre Stiele sind nicht krautig dick, sondern
fein und lang. Und sie wachsen in den Bergen. «Geranium Brookside» steht auf der
Tafel daneben. Der blaue Blumenteppich ist Teil des Botanischen Gartens Alpinum
auf der Schatzalp in Davos. Er umfasst 800 Pflanzenarten aus allen Gebirgen der
Welt und steht am Anfang eines Wanderweges, der zur Stafelalp führt. Dieser
verbindet fünf Alpen, die am selben Berghang liegen, zur «Davoser Alpentour». Er
ist gut ausgebaut, überwindet keine grossen Höhenunterschiede und bietet
einiges, das sich zu sehen lohnt.

Nostalgischer Prunkbau
Zum Beispiel an seinem
Ausgangspunkt auf der Schatzalp. Unweit des Alpengartens steht unübersehbar ein
Bau, der Geschichte schrieb. Der europäische und russische Hochadel kam während
Jahrzehnten hierher, Kaiser Wilhelm von Preussen hatte zeitlebens eine Suite
reserviert - bis Mitte des letzten Jahrhunderts war das Haus ein Sanatorium für
reiche Tuberkulosekranke. Wer sich hier unfreiwilligerweise aufhielt, wollte
wenigstens nicht auf den gewohnten Luxus verzichten. Heute ist das Haus eines
der am besten erhaltenen Jugendstilhotels der Schweiz.

Bequeme Wege
Der Bau des Luxussanatoriums
hatte Auswirkungen auf die Umgebung. Davos kam 1899 mit der Standseilbahn auf
die Schatzalp zu seiner ersten Bergbahn, und auf gut ausgebaute Wege wurde schon
früh Wert gelegt. Das kommt dem Wanderer heute gelegen: Es hat geregnet, schwere
Tropfen fallen von den Bäumen, Wolkenfetzen hängen an den Bergen. Der
Wanderweg ist aufgeweicht, aber nicht gefährlich. Und er ist vielfältig. Durch
Bergwiesen und Wald windet er sich, schlängelt sich bergwärts, führt in
Seitentäler, überquert Bäche. Ständig geht es auf und ab, allmählich lichten
sich die Wolken. Podestatenalp, Lochalp, Grüenialp und Erbalp: Jede Alp hat ihre
Geschichte - wie etwa die Erbalp: Im Mittelalter, als die Pest im Land
wütete, soll die Alp in einer Nacht fünfmal den Besitzer gewechselt haben.
Traumhafte
Aussicht
Plötzlich tauchen Häuser auf:
allesamt aus Holz im typischen Stil der Walser gebaut. Schon sie benutzten die
Stafelalp zur Sömmerung des Viehs und errichteten hier eine Hand voll Hütten.
Eines der Häuser beherbergt heute das Restaurant Stafelalp, in einem andern
verbrachte Ernst Ludwig Kirchner zwei Sommer. Der berühmte Maler schloss den Ort
ins Herz: Viele seiner Bilder entstanden hier - die Sicht auf die
umliegenden Berge regte ihn immer wieder zum Malen an. Das ist verständlich. Vom
Jakobshorn über die Clavadeleralp und das Rinerhorn bis zum Piz Aela reicht das
Panorama von der Stafelalp. Und da ist sogar der Berg zu sehen, dessen Spitze
von weitem fast so aussieht wie das Matterhorn. «Das Bündner Matterhorn», lachen
die Einheimischen; «Tinzenhorn» ist sein richtiger Name. Kirchner hat den Berg
oft gemalt. Wer ihn in natura sehen will, nimmt am besten die «Davoser
Alpentour» unter die Füsse.

Davoser Alpentour:
Schatzalp (1861 Meter) - Podestatenalp (1987 Meter) - Lochalp
(2003 Meter) - Grüenialp (1913 Meter) - Erbalp (1907 Meter) - Stafelalp (1894 Meter) - Frauenkirch
(1505 Meter): 3 Stunden. Andere Variante: von der Stafelalp weiter auf die
Chummeralp (1951 Meter) und von dort zur Mühle oder nach Frauenkirch.
An-/Rückfahrt:
Mit der
Standseilbahn auf die Schatzalp. Rückfahrt mit dem Bus ab Frauenkirch.
Wanderung durch
Kirchner-Landschaften
Lesen Sie den NZZ-Artikel:
Wanderung durch Kirchner-Landschaften - Zwischen Strelapass und Stafel
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